Radio aus dem Internet
Quelle: Neue Zürcher Zeitung
Das Radio reitet auf neuen Wellen
Mobiltelefonie und Internet immer wichtiger
Immer mehr Radiohörer klinken sich in das bunte Angebot an Spartenprogrammen ein, die via Internet und Satelliten empfangbar sind. Entsprechend gewinnt das Internet auch für die herkömmlichen Sender an Bedeutung. Weitere Umwälzungen zeichnen sich ab, da die Webradios nun auch über Mobiltelefone verbreitet werden können.
Radio ohne Grenzen bringt den Lieblingssender auch an den Ferienstrand.
set. Schon vor zehn Jahren war die Übertragung von Radiosendungen über Internet technisch möglich. Doch damals steckte das Netz als Massenmedium noch in der embryonalen Phase, und die für Online-Radios nötigen Breitbandverbindungen gab es noch kaum. Mittlerweile sind die Voraussetzungen für Radio aus dem Netz in vielen Ländern ideal. Nicht verwunderlich, entdecken immer mehr Sender die Vorzüge des Internets als ergänzender Vertriebsweg zu Kabel und Antenne. Hier treffen sie auf Konkurrenz von reinen Webradios, die sich nicht um knappe Frequenzen und kostspielige Sendeanlagen kümmern müssen. Über Portale wie live365.com findet man im Internet Tausende von Sendern, welche Millionen von Hörern rund um die Welt versorgen. Da das Datennetz keine geographischen Grenzen kennt, ist das Hörerpotenzial immens. Im kanadischen Saskatoon kann man Radio Pilatus hören ebenso wie in Ebersecken Radio KAOS aus San Francisco. Praktisch alle privaten Sender und jene der SRG sind mit sogenannten Live-Streams im Web aktiv. Ausserdem findet man reine Internet- Stationen wie radio-wave.ch oder einen Audio- Blog wie jradio.ch.
Unbegrenzte Reichweite
Mit der markant gestiegenen Zahl an festen Breitbandanschlüssen eröffnen sich dem OnlineRadio neue Perspektiven. Zudem erhöht die Konvergenz von Computer- und Unterhaltungselektronik die Attraktivität des Webradios, das heute drahtlos vom PC auf die Hi-Fi-Anlage im Wohnzimmer übertragen werden kann. Die radiophonen Wellen sind zweifellos in Bewegung geraten, davon ist auch Pietro Ribi überzeugt: «Viele Radiomacher sind sich gar nicht bewusst, was sich hier zusammenbraut.» Der Leiter von Swiss Satellite Radio glaubt, dass in fünf bis acht Jahren mehr als die Hälfte des stationären Radiokonsums via Internet erfolgen wird. Die Wahlmöglichkeiten des wachsenden Audiokiosks seien auf die iPod-Generation zugeschnitten.
Die Online-Nutzung der SRG-Spartenradios Swiss Classic, Swiss Pop und Swiss Jazz hat sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Im Januar hörten 10 000 Personen einen der Sender im Web, laut Pietro Ribi steigt die Zahl monatlich um rund 15 Prozent. Intensiv genutzt werden auch die Websites der drei Sender, welche auf die Stärken des interaktiven Mediums setzen. Die Liste der gespielten Titel ist auf Monate zurück abrufbar, ebenso wie Informationen zu Künstlern, Alben und Konzerten. Die gespielten Titel lassen sich gleich bestellen. Dieser Service ist beliebt. Im letzten Jahr wurden 1,3 Millionen Abfragen zu gespielten Titeln verzeichnet.
Bei Radio DRS betrachtet man die Live-Übertragung im Internet als Nische. Maximal 3500 Leute hören sich gleichzeitig ein Programm an. Charles Liebherr, Leiter DRS Online, verhehlt nicht, dass man am Wachstum nicht sonderlich interessiert sei, da sonst mehr teure Bandbreite zur Verfügung gestellt werden müsse. Als strategisch wichtig erachtet Liebherr jedoch die Verfügbarkeit bereits gesendeter Beiträge im Web. Dies sei zunehmend gefragt. Im März wurden 650 000 Sendeminuten abgerufen, über 50 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Künftig will Radio DRS Wortbeiträge auch zum Herunterladen anbieten, damit diese sogenannten Podcasts auch offline und unterwegs zum Beispiel auf einem iPod konsumiert werden können.
Alternative zum Einheitsbrei
Vor allem in den USA legen immer mehr Radiosender die Zurückhaltung gegenüber dem Internet ab. Sie hoffen, die stagnierende Reichweite zu vergrössern und den wachsenden Werbemarkt im Internet anzapfen zu können. Die Online-Plattform erlaubt nicht nur visuelle Werbung, sondern auch interaktive Elemente zur Hörerbindung. Das Engagement im Internet ist aber auch als Reaktion auf den Erfolg des Satellitenradios zu interpretieren. Der europäische Satellitenbetreiber Astra beispielsweise meldet, dass 2004 die Radionutzung um 30 Prozent auf 4,5 Millionen Haushalte zugenommen hat. Erfolg haben auch die Satellitenbetreiber in den USA, welche mit vielen exklusiven Programminhalten aufwarten.
Immer mehr amerikanische Hörer sind bereit, für Inhalte zu bezahlen, da sie des Einerleis der Dudel-Radios mit ihren endlos abgespulten Hitlisten überdrüssig sind. Die Satellitenstationen XM und Sirius bieten ihren Kunden je über 100 auch im Auto und auf mobilen Geräten empfangbare Spartenkanäle für jeden Geschmack an. Die Palette reicht von Programmen wie «Jesus Music Oldies» über den Heavy-Metal-Kanal «Hard Attack» bis zu Comedy- und Sportsendern. Obschon XM vier Jahre nach dem Start bereits 3,8 Millionen Abonnenten zählt, vertraut das Unternehmen nicht nur auf die Übertragung aus dem All. Das ist nachvollziehbar, wenn man die neusten Zahlen der Studie «Internet and Multimedia» von Arbitron/Edison Media Research berücksichtigt. Demnach haben im letzten Januar 37 Millionen Amerikaner zumindest einmal im Monat Webradio gehört. Anfang April haben XM und America Online (AOL), einer der grossen Webradio-Anbieter, einen gemeinsamen Dienst mit 150 Online-Kanälen angekündigt. Auf die Karte Internet setzt auch Infinity Broadcast, eine Tochter des Medienkonzerns Viacom, welche seit Mitte März elf ihrer News- und Talk-Sender ins Netz gestellt hat. Dass sich mit Internet-Diensten Geld verdienen lässt, zeigt das Beispiel von Real Networks. Der Pionier im Online-Musikgeschäft meldete vergangene Woche den millionsten Abonnenten seiner Online-Services, zu denen auch Radio Plus gehört, ein zahlungspflichtiger Dienst mit mehr als 50 werbefreien Sendern.
Das Handy als Empfänger
Weiteren Schub könnten Webradios durch das allgegenwärtige Mobiltelefon erhalten, das aus Sicht von Optimisten eine neue Ära des Rundfunks einleiten wird. Etwas nüchterner betrachtet, handelt es sich hier um ein neues Experimentierfeld. Virgin Radio, gemäss Eigenwerbung die im Internet weltweit am meisten gehörte Station, hat im März als erster Sender mit der Übertragung von Kanälen für Mobiltelefone begonnen. Der Konzern des Milliardärs und Ballonfliegers Richard Branson macht drei seiner Sender für Handy-Benutzer mit schneller Leitung frei zugänglich. Rund um den Erdball, wo immer eine Mobilfunkverbindung besteht, können die Sender in Stereoqualität aus dem Internet abgerufen werden, auch in der Schweiz. Auf dieselbe Karte setzt der kalifornische Anbieter MSpot, der Anfang Monat mit dem Mobilnetzbetreiber Sprint 13 Programme für den Handy-Empfang lanciert hat, darunter solche mit Inhalten des National Public Radio. Mit Spannung erwartet wird das vom zweitgrössten Handy-Hersteller, Motorola, noch für dieses Jahr angekündigte Projekt iRadio, das Hunderte von Web-Radios auf Mobiltelefone bringen will, die per Bluetooth drahtlos mit der Stereoanlage oder dem Autoradio verbunden werden können.
Kosten als Knackpunkt
Chancen hat das Handy-Radio wohl nur mit der Einführung von Flatrates im mobilen Netz, vergleichbar mit ADSL im Festnetz. Beim Streaming fallen nämlich pro Stunde Sendezeit rund 7 MByte Daten an, was in der Schweiz bei den gegenwärtigen Preisen von bis zu 20 Franken pro MByte exorbitante Rechnungen zur Folge hätte. Radio auf dem Handy ist heute schon mit dem Empfang von FM-Sendern möglich, und zwar kostenlos. Eine bessere Qualität verspricht das ebenfalls terrestrisch verbreitete digitale Radio DAB, das in weiten Teilen der Schweiz empfangen werden kann. Pietro Ribi setzt grosse Hoffnungen auf diesen Vertriebskanal, der nun auch für Handys nutzbar gemacht werden soll. Mobiltelefonhersteller dürften wohl bald erste Modelle mit DAB-Empfängern ausliefern.