NEUE ROHSTOFFE

Ist Luft ein Rohstoff? Sind Gene Ressourcen? Oder Stammzellen? Wenn veränderte Reisgene patentierbar sind, wenn die Wasserversorgung privatisiert oder mit Stammzellen gehandelt wird, dann muss auch der Begriff des Rohstoffs weiter gefasst werden als bislang. Nicht selten ist es dabei der ökologisch motivierte Schutzgedanke, der neue Rohstoffe erst in Wert setzt.

von Stephan Günther



Angesichts der fortschreitenden Verwertung auch der letzten Ressourcen klingen die Lieder von der Freiheit der Meere und Lüfte wie Abgesänge auf all das, was gerne als »Natur« bezeichnet wird. Es zeigt sich, dass Natur - wenn mit ihr die nicht in Wert gesetzte Welt verstanden wird - in diesem Sinne lediglich eine Zustandsbeschreibung sein kann. Sobald Holz oder Heilpflanzen der Urwälder ökonomisch interessant werden, wird der Dschungel von der »grünen Hölle« zum Hort »unzähliger Ressourcen«. Seit saubere Luft zur Mangelware erklärt wurde und der Anstieg ihres Kohlendioxid-Gehalts klimatische Schäden hervorzurufen drohte, wird darüber diskutiert, wie ihr »Verbrauch« zu messen und zu reduzieren sein könnte.

Übertragen in die Sprache der Ökonomie bedeutet dieser Wandel von Natur zu Rohstoff lediglich eine Transformation vom freien zum knappen Gut. Freie Güter - laut Wirtschaftslexikon all das, was unerschöpflich scheint und daher in der Regel kostenlos oder billig zu haben ist - sind nur noch begrenzt verfügbar und verteuern sich dadurch. Das kann aus unterschiedlichen Gründen geschehen: wenn ein verwertbares knappes Gut erst entdeckt wird (momentan etwa pharmakologisch interessante Pflanzen aus tropischen Wäldern) oder wenn seine Begrenztheit erst erkannt wird (wie bei Luft und Wasser). Ähnlich verhält es sich bei ehemals zwar nicht freien, aber billigen, weil in großen Mengen vorhandenen Stoffen, die durch den übermäßigen Verbrauch erst teuer wurden (zum Beispiel Rohöl).

Ganz so einfach ist der Weg vom freien Gut zum freien Handel allerdings nicht. An den Beispielen der Luft und der Tropenwald-Ressourcen soll er nachgezeichnet werden. Die Etappen sind dabei jeweils: vom Schutz des freien Gutes über die vertraglich geregelte Nutzung zum freien Handel.

Baumärkte als Ökoelite

Als in den späten 70er und vor allem in den 80er Jahren Bilder von Bulldozern um die Welt gingen, die tropische Regenwälder in Brasilien, in Südostasien oder in Zentralafrika platt walzten, um Platz für Straßen zu schaffen, entstand eine internationale Kampagne. Mit ihren Aktionen gelang es den Regenwald-Schützern, so viele Sympathisanten zu wecken und so breiten Protest auszulösen, dass selbst Baumärkte das Tropenholz aus ihrem Angebot nahmen. Zumindest in den Anfängen ging es den AktivistInnen lediglich um den Schutz: Die Tropenwälder sollten die letzten Regionen bleiben, in denen der Mensch nichts verloren hatte. Ein Rückzugsgebiet für verfolgte Tiere und Rot-Liste-Pflanzen. Doch schon damals mischte sich der Schutzgedanke mit Ideen, dieses Anliegen auch der Gegenseite schmackhaft zu machen. Die Rodung sei ökonomisch unsinnig, weil sie kurzfristig angelegt sei, Erosion auslöse und letztlich nur karge Landschaften hinterlasse. Man müsse ein nachhaltiges Konzept zur Bewirtschaftung entwickeln. Die indigene Bevölkerung und einige wenige Zugereiste lebten, so die Argumente der Schützer, seit langer Zeit mit und vom Tropenwald, ohne ihn zu zerstören. Kautschuksammler und Medizinmänner wurden eingeladen, um von der nachhaltigen Wirtschaftsweise zu berichten.

Seither werben auch Händler wieder mit Tropenholz; die selektive und nachhaltige Forstwirtschaft sei nicht nur ungefährlich für den Wald, im Gegenteil: Erst die schonende Nutzung bewahre ihn vor Raubbau und Brandrodung. Diese Argumentation stammt direkt aus der Feder der Umweltschutzorganisationen. Wenn es ein ökonomisches Interesse am Erhalt der Wälder gebe, so deren Überlegung, könnte eine Lobby entstehen, die ihn schützen würde. Die ersten Hinweise auf mögliche Heilpflanzen aus dem Tropenwald waren verbunden mit dem Wunsch den Wert zu betonen, der mit der Zerstörung verloren zu gehen drohte. Mehr und mehr wurde dann zuerst die Alternativmedizin und die Pharmaindustrie auf die neuen Rohstoffe aufmerksam.

Die Anstrengungen zum Schutz der Tropenwälder sind eng verknüpft mit dem Klimaschutz. Schon die Waldschützer machten darauf aufmerksam, dass der massenhafte Kahlschlag nicht nur das regionale, sondern auch das globale Klima nachhaltig zu verändern drohte. Die großen Waldflächen binden nicht nur erhebliche Mengen Kohlendioxid, das bei der Verbrennung (z.B. von Öl oder Kohle) in die Atmosphäre entweicht, mit ihrer Wasserspeicherkapazität haben die Wälder auch erheblichen Einfluss auf die weltweite Niederschlagsverteilung. Es ist daher kein Zufall, dass mit der Tropenwalddebatte auch die Frage globaler Klimaveränderungen gestellt wurde. Man könne den Staaten des Südens keine ökologischen Auflagen zum Schutz ihrer Wälder machen, wenn man gleichzeitig durch hohe Schadstoffausstöße die Verschmutzung der Athmosphäre vorantreibe.

Auch diesbezüglich ging es lange Zeit lediglich um den Schutz. Die schwerwiegenden Argumente schienen ausreichend, um einen internationalen Klimaschutz durchzusetzen: die Gefahr von Hautkrebs und anderen Krankheiten durch das Ozonloch, das Abschmelzen von Polkappen und Gletschern mitsamt einem weltweiten Anstieg des Meeresspiegels und zunehmenden Überschwemmungs- und Sturmkatastrophen durch Temperaturanstieg. Obwohl keine ökonomisch attraktiven Angebote aus der Luft zu greifen sind, hat sich auch im Klimaschutz das marktförmige Prinzip durchgesetzt: Bei der Weltklimakonferenz im japanischen Kyoto wurde ein Protokoll beschlossen, das den Handel mit »Verschmutzungsrechten« vorsieht. Laut Vertrag soll möglichst jeder Staat zur Verringerung des globalen Ausstoß von Kohlendioxid beitragen, die Industrieländer sollen bis 2010 ihre Abgaben um 5,2 Prozent gegenüber 1990 reduzieren.

Wenn nun Länder wie die GUS-Staaten, die nach dem Zusammenbruch der UdSSR und ihrer Wirtschaft ohnehin erheblich weniger Abgase produzieren, diese Vorgaben noch übersteigen, dürfen sie mit diesen »Guthaben« handeln. Ein Industriestaat, der die Reduktion nicht durchsetzen kann oder will, darf mit dem Erwerb einer solchen Verschmutzungslizenz weiter Abgase produzieren. Zudem wird die Möglichkeiten geboten, Wälder als »Senken« für Kohlendioxid anzulegen oder zu erhalten und dann mit diesem »Klima-Plus« zu handeln. Das freie Gut Luft ist also aus Gründen des Klimaschutzes zum knappen und damit erwerbbaren Gut geworden.

Buntes Allerlei im Regenwald?

Um neue Rohstoffe marktfähig zu machen, bedarf es einiger Grundregeln. Reichten beim Handel mit Eisenerz oder Rohöl noch einfache Besitztitel und Schürf- oder Ausbeutungsrechte, so sind die Vertragswerke bei den neuen Rohstoffen komplizierter. Wie auch soll der Handel mit Luft überprüft werden? Und wer kann sicherstellen, dass der Besitz von Wissen oder genetischer Information akzeptiert wird? Wurde noch bis Anfang der 90er Jahre der Schutz »biologischer Vielfalt« gefordert und bei der UN Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro mit der »Convention on Biological Diversity« 1992 vordergründig auch vertraglich festgehalten, so sprechen die internationalen Verträge heute eine andere Sprache. Die biologische ist ohne genetische Vielfalt kaum mehr zu denken, der naturromantisch noch als buntes Allerlei verklärte Begriff ist zu einem handfesten ökonomischen Faktor geworden - ablesbar an der rasanten Zunahme von Patenten, die auf genetische »Entdeckungen« und Veränderungen angemeldet werden. Biodiversität ist »der Nenner einer spezifischen Vergesellschaftung von Natur in einem deutlich determinierten politischen Umfeld.«1

Erst durch vertragliche Absicherung und die Möglichkeit der Patentierung wird die biologische Vielfalt marktfähig. Das Wissen um den Nutzen von pflanzlichen Rohstoffen (vor allem aus noch wenig erforschten tropischen Regionen) für Landwirtschaft und Pharmazie ist das Kapital, das es zu schützen gilt, weniger die Pflanzen als solche. Nicht zuletzt der erbitterte Streit um eine Neufassung des Abkommens der Welthandelsorganisation (WTO) über »Trade-related Aspects of Intellectual Property Rights« (kurz: TRIPS) von 1994 deutet die ökonomische Bedeutung an, die die biologischen Rohstoffe schon heute haben. Die rapide wachsenden Märkte im gen- und biotechnologischen Bereich lassen die Rechte auf die Verwertung genetischer Ressourcen zu einer gewinnversprechenden Zukunftsinvestition werden.

Ganz anders verläuft die vertragliche Festschreibung des Handels mit »heißer Luft«, wie die nicht genutzten Verschmutzungsrechte vor allem osteuropäischer Länder auch genannt werden. Hier drängt keine Industrielobby auf eine schnelle Umsetzung. Der Schutzgedanke steht nach wie vor im Vordergrund. Die »Ressource« Luft dient lediglich als - wenngleich extrem wichtige - Müllhalde. Auch hier gilt der Vertrag von Rio als Basis, der generell - aber unverbindlich - die Reduktion der Emissionen von Luftschadstoffen vorschrieb. Erst der Folgevertrag von Kyoto legte konkrete Zahlen vor, deren Umsetzung in diesem Jahr in Bonn beschlossen wurde. Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, Luft zu bewerten, die Kosten ihrer Nutzung zu definieren - und mit ihr zu handeln. Nicht umsonst wird in den USA, die das Kyoto-Protokoll bis heute ablehnt, jetzt doch über eine nachträgliche Unterschrift diskutiert. US-Unternehmen drängen darauf, am - aufgrund der Rechtssicherheit möglicherweise sehr lukrativen - Handel mit den Verschmutzungsrechten teilzuhaben.

(Un)entschlüsselte Codes

Bei allen »klassischen« Rohstoffen könnte es nun losgehen. Die Nachfrage ist vorhanden, die Verträge sind geschlossen, jetzt folgt das große Graben. Der Ort des Geschehens spielt allerdings bei den neuen Rohstoffen kaum noch eine Rolle. Geht es bei mineralischen oder agrarischen Rohstoffen darum, aus einer großen Menge (z.B. Erzvorkommen) die nutzbaren Stoffe zu extrahieren (Eisenerz) und dann zu verarbeiten, so deutet sich bei den neuen Rohstoffen der umgekehrte Weg an. Zwar wird auch die genetische Information aus den Pflanzen herausgeholt, sobald diese aber bekannt ist, spielt der Rohstoff keine Rolle mehr. Vielmehr wird die Information selbst zum Rohstoff. Mit dem entschlüsselten Code und den vorliegenden Genen werden neue Rohstoffe erst erschaffen. So wies Greenpeace Anfang September auf ein Versuchsfeld des US-Konzern Applied Phytologics hin, auf dem Reis mit eingebauten menschlichen Genen angebaut wurde. Die Zellen der Reispflanzen produzieren Pharmazeutika, die auf diesem Wege billiger und besser herzustellen sind als im Labor. Weltweit arbeiten laut Greenpeace etwa 20 Biotech-Unternehmen an der Entwicklung von »Pharm-Crops«.

Noch höher wird der Abstraktionsgrad bei der Ressource Luft. Im Grunde ist sie überall reichlich vorhanden. Hier wird der Rohstoff selbst gar nicht »genutzt«, d.h. er selbst ist nicht handelbar. Vergleichbar mit dem Aktienmarkt werden die Rechte gehandelt. Das freie Gut ist zur Ware lediglich umdefiniert worden. Möglicherweise ist es gerade diese Abstraktionsebene, die es so schwer macht, die Bedeutung der neuen Rohstoffe und ihres Handels einschätzen zu können. So wie in der Legende die Eroberer und Entdecker Amerikas den Bewohnern ihr Land für ein paar Glaskugeln abkauften, weil diese sich nicht vorstellen konnten, dass man Land »besitzen« kann, ist die Vorstellung vom Eigentum an Luft oder Genen noch nicht ins allgemeine Bewusstsein gedrungen.



Anmerkungen:
1 Michael Flitner: Biodiversität oder: Das Öl, das Meer und die 'Tragödie der Gemeingüter'. In: C. Görg u.a.: Zugänge zur Biodiversität. Metropolis-Verlag, Marburg 1999.