 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
|
|
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
|
|
|
 |
|
|
|
|
|
Bio boomt auf dem weltweiten Kraftstoffmarkt. Dort herrschen Goldgräberstimmung und Wildwest, sagten Wirtschaftsvertreter auf der 24. Dechema-Jahrestagung der Biotechnologen in Wiesbaden. Mit Biodiesel und Bioethanol lässt sich derzeit gut und viel Geld verdienen. Und die Nachfrage wird weiter steigen, weil Regierungen die beinahe vollständige Erdölabhängigkeit beim Verkehr verringern wollen.
|
|
|
|
|
|
Biosprit ist im Markt angekommen. Das zeigten die Wiesbadener Vorträge zum Thema. Es dominierten wirtschaftlich-technische Aspekte, energetisch-ökologische streiften Redner allenfalls in der Diskussion.
Wie man am meisten Geld aus einer Bioethanol-Anlage holt, stellte Dieter Heinz von Bayer Technology Services vor. Unter Einbezug lokaler Gegebenheiten wurden fünf Prozesskonzepte betrachtet und experimentell bestätigt. Mit der österreichischen Firma Frings wurde ein Konzept mit dem Rohstoff Roggen durchgespielt. Bei rein wirtschaftlicher Betrachtung belaufen sich die Herstellungskosten auf etwa 40 Cent, der Verkaufspreis liege bei 65 Cent. Als Kostentreiber wurden Rohstoffaufbereitung, Schlempe und Trocknung erkannt.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Will die junge mittelständisch geprägte Branche, die jetzt an der Börse (wie Verbio oder die Südzucker-Tochter Crop Energies) Kapital für den Ausbau der Kapazitäten einsammelt, auch mittelfristig erfolgreich sein, wird sie wohl eine neue, zweite Generation von Treibstoffen für die Verbrennungsmotoren herstellen müssen.
Wächst die Nachfrage – und das gilt als sicher - werden Flächen und Rohstoffe knapp und konkurrieren mit der Nahrungsmittelproduktion für eine wachsende Weltbevölkerung. Statt Mais, Zuckerrohr, Raps oder Soja müssten nach Ansicht der Fachleute biogene Rest- und Abfallstoffe oder neue Energiepflanzen für die Treibstoffherstellung verwendet werden. Doch bis Verfahren die „neuen“ Rohstoffe umwandeln und Biosprit im großtechnischen Maßstab produzieren können, braucht es noch einige Jahre und einige Milliarden Euro mehr. Dass dieser Ansatz auch mit der Strom- und Wärmeerzeugung aus Biomasse konkurriert, blieb ausgeklammert.
|
|
|
|
|
|
Die wackelige Rohstoffbasis thematisierte André Faaij vom Kopernikus-Institut der Universität Utrecht. Wie der prominente Biotreibstoff-Konvertit George W. Bush plädierte Faaij für den Einsatz mehrjähriger (perennierender) Pflanzen. Anders als einjährige Gewächse seien diese billiger und schonender anzubauen, ließen sich 15 bis 20 Jahre lang beernten und stellten eine große Vielfalt von in Frage kommenden Arten. Mindestens zehn Jahre braucht es aus Sicht der Wissenschaft, um diese neuen Energiepflanzen „sprittauglich“ zu machen.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Bereits jetzt sind nach Darstellung von Ludolf Plass vom Anlagenbauer Lurgi die voll modularisierten Biodiesel-Anlagen der zweiten Generation auf unterschiedliche Ölsaaten ausgelegt, da die Produzenten wegen des hohen Raps-Preises (600 €/Tonne) auf andere Rohstoffe ausweichen. Biodiesel und Bioethanol sind hierzulande profitabel, nicht zuletzt dank staatlicher Hilfe. Doch nicht ihnen gehört die Zukunft, sagte Faaij, sondern lignocellulose-basiertem Ethanol und gasifizierten synthetischen Treibstoffen. Darin waren sich nahezu alle Fachleute in Wiesbaden einig. Viel war dort die Rede von neuen produktintegrierten Bioraffinerien (ohne die stoffliche Verwertung explizit zu nennen) und der zweiten Generation von Biotreibstoffen, die Rest- und Abfallstoffe statt potenzielle Nahrungsmittel als Rohstoffe verwertet. In Logistik oder Technologieentwicklung müssten aber noch viele Milliarden Euro fließen. Einen Pferdefuß hat die Strategie, das erkannten einige Diskutanten in Wiesbaden sehr schnell: Sollten China und andere große Länder dieselben Lehren aus den begrenzten fossilen Ressourcen ziehen, beginnt der Kampf um die biogenen Ressourcen.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Dass die Branche boomt, zeigen die prall gefüllten Auftragsbücher von Anlagenbauer Lurgi, einem der Weltmarkt- und Technologieführer bei Biotreibstoffen. Allein seit 2002 habe das Unternehmen 40 Aufträge zum Bau von Biodieselfabriken an Land gezogen, jetzt setze mit Verzögerung der Bioethanol-Boom ein. Dies sagte Lurgi-Mitarbeiter Ludolf Plass, der mit einem weiter wachsenden weltweiten Bedarf an alternativen Kraftstoffen rechnet.
Zu Recht: Denn nach dem Willen der Europäischen Union (EU) soll der Biosprit-Anteil von derzeit rund zwei Prozent auf 5,75 Prozent im Jahr 2010 ansteigen. Das verdreifacht den EU-Bedarf auf knapp 14 Mio. Jahrestonnen. Derzeit produziert die EU 3,6 Mrd. Liter Biodiesel, ist damit weltweit die Nummer eins, bei Bioethanol liegt nach Zahlen Eckhard Weidners der Verbrauch bei 0,9 Mrd. Liter. Im August erst hat die Berliner Koalition die Brüsseler Richtlinie umgesetzt: Ab 2007 muss dem deutschen Benzin und Diesel Biosprit beigemischt werden, dafür werden Steuererleichterungen abgebaut. Diesel muss mindestens 4,4 Prozent, Benzin mindestens 2 Prozent enthalten. Bis 2010 soll die Quote 6 Prozent erreicht haben.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Nicht nur in der EU, auch in den USA boomt vor allem Bioethanol, wegen des größeren Anteils an Benzinmotoren. Dort deckt der nur aus Mais gewonnene Treibstoff zwischen 3 und 4 Prozent des Benzinbedarfs (140 Mrd. Gallonen). Ethanol-Giganten wie Archer Daniels Midlands (ADM) wollen diese Rate auf bis zu 10 Prozent in den nächsten zehn Jahren steigern. Auch in den Staaten hilft die Politik nach: Der US-Kongress hat 2005 ein Gesetz erlassen, das die Ethanol-Produktion auf 7,5 Mrd. Gallonen im Jahr 2012 steigern und damit fast verdoppeln soll.
Auch in den USA werden effizientere Ethanol-Herstellungsverfahren entwickelt, so in Iowa von Broin D.C., das eine seiner 18 Ethanol-Fabriken mit Bundesmitteln umrüstet und auch Stängel, Blätter und Maiskolben mitverwertet. Lurgi zieht gerade im texanischen Hereford eine Brennerei hoch, die mit Biogas aus dem Dung riesiger Rinderherden befeuert wird und mit 378 Millionen Litern Kapazität zu den größten US-Fabriken zählen wird. In Ottawa entwickelt die Iogen Corp. die erste zellulosebasierte Bioethanol-Anlage, die aber noch im Stadium der Entwicklung sei, berichteten Teilnehmer in Wiesbaden.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Agrar-Experten wie Cargill-Chef Warren Staley befürchten wegen des Bioethanol-Booms in den USA steigende Nahrungsmittelpreise und Nachteile beim Getreide-Export. Bioethanol in den USA hat sich durchgesetzt dank hoher Erdölpreise und Beihilfen (51 Cent Subvention pro Gallone =3,78 l), die nach Ansicht politischer Beobachter aber nicht länger als Agrarsubventionen bewertet werden, sondern Teil der nationalen Strategie zu größerer Energieautarkie sind. Fachleute monieren, dass die US-Regierung Mais zum alleinigen Rohstofflieferanten für die Ethanol-Herstellung gemacht habe und ihn gegen das billigere Zuckerrohr abschotte.
|
|
|
|
|
|
Mittlerweile werden erste Demonstrations- beziehungsweise Versuchsanlagen für BtL-Kraftstoffe geplant und betrieben. Zwei Verfahren werden von Forschung und Industrie entwickelt: sowohl die über den Zwischenschritt der Methanol-Synthese als auch die nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren arbeitenden Konversionsverfahren werden sich nach Plass Worten auf dem Markt durchsetzen. Lurgi ist an beiden Projekten beteiligt, eines davon ist das Bioliq-Verfahren des Karlsruher Forschungszentrums.
|
|
|
|
|
|
Seit 2005 tüfteln Experten aus Forschung und Industrie für die EU an einer Strategie für Biotreibstoffe, die zur bisherigen Infrastruktur passt. Einer von ihnen, Eckhard Weidner vom Umsicht-Institut, stellte die Bedingungen vor, damit das visionäre Ziel der EU-Behörde Züge der Praktikabilität erhält. Brüssel will bis 2030 den Verbrauch von Biosprit von momentan rund zwei auf 25 Prozent anheben, was einem hochgerechneten Produktionsvolumen von rund 110 Mio. Tonnen Biosprit entspricht. Ob die EU am Ende die Technologieführerschaft bei der Biomasse-Konversion inne hat oder nur Wunschtraum einiger Bürokraten bleibt, ließ das von Weidner vorgelegte Zahlenwerk offen.
Investoren sollten auf Biobutanol setzen, riet Gunter Festel in Wiesbaden. Der Unternehmensberater hatte bei seiner vergleichenden Analyse von Herstellkosten und Marktchancen diesen Biotreibstoff als wettbewerbsfähigsten auf dem deutschen Markt identifiziert. Im Sommer hatte übrigens der Energiekonzern BP angekündigt, er wolle zusammen mit dem US-Chemiekonzern Du Pont die erste Biobutanol-Fabrik in Großbritannien 2007 in Betrieb nehmen.
|
|
 |
|
 |
 |
 |
    |
 |
 |
|
|